Großbritannien

Jersey: Zwischen Klippen und heilenden Wellen

Felswatt vor dem Örtchen La Rocque auf Jersey

Inseloriginale bringen Besuchern die essbaren und heilsamen Eigenarten der Kanalinsel nahe

Der leicht salzige ‧Meerfenchel ist essbar. Fotos: bel

Energiegeladen federt Kazz Padidar, genannt Bushman Kazz, die schmalen Trampelpfade voran. Seine Dreadlocks wippen im Takt der Schritte. Alle paar Minuten verschwindet er im Gebüsch und taucht mit einer natürlichen Delikatesse wieder auf. Meerfenchel, Minze, Queller und wilden Rucola präsentiert er der Gruppe, die mit ihm auf Nahrungssuche durch die Küstendünen und -wälder der größten Kanalinsel streift. 
„Wildkräuter schmecken intensiver als kultivierte und sind oft auch noch heilsam“, erzählt er. Weidenrinde helfe gegen Schmerzen, aus Kastanienblättern könne man Seife herstellen, die Früchte der Karde als Kamm nutzen und Beifuß beschere wenig Schlaf, aber intensive Träume, Stechapfel sogar Halluzinationen. 
„90 Prozent der Lebensmittel auf Jersey sind importiert. Aber ich kann mich alleine von Land und Meer ernähren“, sagt er. So macht Padidar auch Survival-Trainings und beliefert Inselköche und Restaurants in London und Schottland mit selbst geernteten Wildpflanzen. 

Trudie Trox geht noch einen Schritt tiefer und wandert auf dem Meeresgrund. Nicht ungefährlich. Bei einem Tidenhub von drei bis zwölf Metern, einem der höchsten der Welt, muss man wissen, was man tut. Auf dem Weg zum Seymour Tower, einem Verteidigungsturm auf dem Felsen mitten im Meer, zwei Kilometer vor der Südostküste, gilt es drei große Priele zu überqueren. Schon eineinhalb Stunden nach Niedrigwasser führen sie wieder starke Strömungen. Trudie weiß das. 
Vor zehn Jahren wanderte die Bayerin nach Jersey aus und veranstaltet seitdem Watt- und Kajak-Touren. „Vor Jersey liegt das größte Felswatt Europas, mit ganz anderer Flora und Fauna als die Sand- und Schlickwatten der Nordsee.“ Blasentang als Sonnenschutz, würzige Seespaghetti, Meersalat in der Quiche und die Gabelalge als salzige, grüne Meerbohne. Trudie hat viele gesunde Rezepte mit mineral- und vitaminreichen Algen im Gepäck.

Max Wiltshire und Dom Booth nutzten die Heilkraft des Meeres auf andere Weise. Zusammen mit weiteren Freiwilligen bringen sie Menschen mit Handicap auf das Meer. Zum Beispiel Autisten und Rollstuhlfahrer. Wie den gehbehinderten Ray Evans. 
Etwas mürrisch schaut er drein, als er in seinem Rollstuhl über den Strand geschoben und in einen extra auf das Surfboard montierten Sitz gehievt wird. Ein halbes Dutzend Helfer begleiten ihn in die Wellen, im Hintergrund ragt der Tower La Rocco aus dem Meer. 
Und erst, als Ray nach mehreren Versuchen wirklich über das Wasser gleitet, die perfekte Welle erwischt hat, schleicht sich ein breites Lachen in sein Gesicht. „Auf dem Wasser muss man im Moment sein und alle Sorgen hinter sich lassen“, erklärt Dom. „Das kann helfen, das Leben zu verändern.“
 

Von Helgard Below
 

Jersey im Internet
Coastal Foraging: www.wildadventuresjersey.com 
Walk on the Seabed: www.jerseykayakadventures.co.uk 
Healing Waves: www.healingwaves.org.je 

Kommentar schreiben