Frankreich

Marseille: Hinter der rauen Schale

Der Hafen gehört definitiv zu den Must-sees der Stadt. Foto: lecreusois/www.pixabay.de

Mit einem einheimischen „Greeter“ auf Stadtspaziergang

Ann-Claude führt als Marseille Greeter Besucher durch ihre Stadt. Foto: hs

Wirklich mediterran ist diese Stadt fast nur am alten Hafen, französisch überall ein bisschen, afrikanisch und arabisch vielerorts. Marseille ist herb, wirkt wie zwischen allen Stühlen. Mit ein paar Fassaden wie an den Champs-Elysées in Paris, von denen mancher noch immer frische Farbe fehlt. Mit Märkten, deren Waren auf dem Fußweg oder der Straße ausgebreitet sind wie in Afrika: Gemüse auf Plastikplanen, Kleidung direkt aus dem Pappkarton. Es scheint, als fehle Marseille die Lieblichkeit. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Da ist es schön, dass es Leute wie Ann-Claude gibt, die für diese Stadt zusammen mit ein paar Dutzend Gleichgesinnten das Lächeln übernommen hat. Es sind Leute, die Fremde an diesen Moloch heranführen und den weichen Kern hinter der rauen Schale zeigen. Es sind Menschen, die die Berührungsängste mit dieser Stadt nehmen wollen.

Nirgendwo passt ihre Idee besser hin als hierher: Sie nennen sich „Marseille Greeter“. Ihre Aufgabe: Fremden auf zweistündigen Spaziergängen durch ihr Lieblingsviertel ihre Heimatstadt nahezubringen. Die Führungen kosten nichts, die Greeter arbeiten ehrenamtlich.

Etwa 60 Freiwillige sind in Marseille dabei. Wer mitgehen will, muss sich online anmelden (www.marseilleprovencegreeters.com), dabei sein Wunschthema und ein Zeitfenster nennen.
Wenn Ann-Claude zum Zug kommt, dann geht es ins Panier-Viertel und zum Cours Julien.

Lange galt das Panier als Ecke, die man meiden sollte: zu viel Kleinkriminalität in den oft engen Gassen oberhalb des alten Hafens. Inzwischen haben dort einige originelle Boutiquen, schräge Läden, sogar einige nette Pensionen und Cafés neu aufgemacht.

Warum Ann-Claude solche Führungen macht? „Weil ich mir Jahreszahlen nicht merken kann und deshalb für herkömmliche Führungen gänzlich ungeeignet bin. Ich habe aber eine Erinnerung für Gefühle. Und hier zeige ich das Gefühl meines Viertels. Das von einst und das von jetzt. Daran habe ich Freude.“ Sie umarmt kurz die Kellnerin ihres Lieblingscafés, winkt dem Postboten zu, läuft in den Laden an der Ecke, um der Verkäuferin hallo zu sagen, winkt ihre Gruppe zu sich, stellt die Besucher vor.

Was alle dabei spüren, ist, dass dieses schroffe Marseille Herz haben muss. Weil die Menschen es haben. Plötzlich ist eine düstere Straße nicht mehr dunkel, sondern Heimat der Anwohner. Die herbe, abweisende Großstadt hat eine Seele bekommen. Im Vorbeigehen.
 

Helge Sobik