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Corona: Tagebuch eines Veranstalters, Teil 4

Beate Zwermann (rechts) auf einer Demo zur Rettung der Reisebranche in Frankfurt am Main

Beate Zwermann (rechts) auf einer Demo zur Rettung der Reisebranche in Frankfurt am Main. Foto: privat

Die Corona-Krise hat sehr viele touristische Anbieter hart getroffen, unter anderem den kleinen Frankfurter Spezialveranstalter Galapagos Pro. Mit Tagebuch-Einträgen schildert Inhaberin Beate Zwermann seit einigen Wochen auf dieser Webseite, wie sie mit der Krise umgeht und welche Folgen die Pandemie für ihr Unternehmen, für sie persönlich und für ihre Mitarbeiter hat. Der vierte Teil soll der vorläufig letzte sein, kündigt Zwermann an.

Teil 1 finden sie hier, Teil 2 ist hier und Teil 3 hier abrufbar. Der Inhalt des Tagebuchs spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wider. 

 

„Das ist mein vorläufig letzter Tagebucheintrag in der Corona-Krise. Ich sehe Licht am Horizont und habe Hoffnung. Die vergangenen zwei Monate haben mir Mut gemacht. Wo kommt der her?

Ich lese täglich viele Medien quer und registriere Tendenzen. Seit mehreren Wochen steigt die Zahl der unaufgeregten Einordnungen von Covid-19 als ein Grippe-Virus von vielen, mit dem wir leben müssen und werden. Der Virologe Professor Hendrik Streeck ist in der Öffentlichkeit omnipräsent. Er vertritt die Meinung, dass Risikogruppen geschützt werden müssen und ansonsten die AHA-Maßnahmen zum Schutz ausreichen.

Die Medien hinterfragen wieder

In den ersten Monaten der Pandemie hatte man den Eindruck, die Medien tuteten alle das Gleiche aus dem Horn. Angst und Panik waren das Ergebnis. Sind es noch. Es wird dauern, bis wir die psychischen Schäden der Pandemie überwunden haben. Deshalb ist es erfreulich, wenn sich die Medien jetzt wieder mehr einer ihrer wichtigsten Aufgaben zuwenden: dem Hinterfragen.

Anschaulich zu beobachten ist das beim Thema Rückkehrer. Die Aufklärung über die Infektionsherde fand in allen bedeutenden Medien statt und machte klar: Es ist nicht der Tourismus, der Corona ins Land bringt. Die FAZ tat sich hier am deutlichsten hervor und schrieb „dem Tourismus wird Unrecht getan“ und forderte gar „Wir müssen reisen!“. Stellt sich die Frage, warum macht Gesundheitsminister Spahn das?

Die Spurensuche der ZEIT in der Ausgabe vom 3. September veranschaulicht einen prekären Zusammenhang zwischen Rückkehrern und unserem Gesundheitssystem: Die Mehrzahl der Corona-positiv getesteten Personen waren zu Familienbesuchen in der Heimat – auf dem Balkan, in Osteuropa und der Türkei. Der kosovarische Botschafter in Berlin erklärt im Artikel, dass ganz Osteuropa unter der massenhaften Abwanderung von Krankenschwestern und Pflegepersonal leide. Im Gesundheitsministerium wolle man aber nicht zwischen Strandurlaub und Familienbesuch unterscheiden, heißt es im Artikel.

Im Klartext hat die FAZ also Recht: Der Reisebranche wird Unrecht getan. Auf ihre Kosten versucht man einen Zusammenhang zu verschleiern, der, hält man sich vor Augen, dass fast 50 Prozent der Corona-Toten im Umfeld von Altenheimen (Frontal 21 vom 8. September) registriert wurden, umso gravierender erscheint.

Was würde die PR-Frau in mir tun, wenn ich an Minister Spahns Stelle wäre? Ablenken. Genau. Liebe ZEIT-Journalistin Mariam Lau: Danke, dass Sie der PR des Gesundheitsministeriums das Handwerk legen.

An dieser Stelle möchte ich mich ebenfalls bedanken bei den FAZ-Journalisten Jakob Strobel y Serra, Timo Kotowski und Jasper von Altenbockum. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass die Menschen in Deutschland verstehen, was der Reisebranche widerfährt. Immer mehr Leute zeigen Verständnis und helfen uns. Das ist auch Ihr Verdienst. Weiter so!

Die großen Wirtschaftsverbände stärken der Reisebranche den Rücken

Lange haben sie stillgehalten, Anfang September nun wurden sie laut: Die großen Wirtschaftsverbände fordern im Namen ihrer Mitgliedsunternehmen die Öffnung der Welt und den Fall der Quarantäne; denn bereits jetzt leide die deutsche Exportwirtschaft massiv, wenn der Monteur nicht mehr zur Wartung seiner Maschinen fliegen kann, Produkte nicht ausgeliefert werden, weil die Endabnahmen nicht möglich sind, oder Messen nicht stattfinden, wo Neukunden gewonnen werden. Dafür müssen – so der Tenor – die Flieger wieder in die Luft und Reisebeschränkungen weltweit fallen.

Dieser Vorstoß zeigt eindeutig die Bedeutung des Reisens für unsere Gesellschaft. Die Reisebranche ist kein antiquiertes Relikt der Vor-Corona-Zeit, das man mit Online-Meetings und Deutschlandurlaub ersetzen kann. Der Druck der Wirtschaft wird auch dem Fernreise-Tourismus wieder auf die Beine helfen, denn ausschließlich mit Geschäftsreisenden ist das Fliegen nicht rentabel.

Schadensersatz rollt an

Es wird immer wieder beklagt, dass die Reisebranche keine Lobby hätte – hatte, würde ich sagen. Denn die Aktionen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass wir kämpfen können. Ich bewundere die Hartnäckigkeit aller Beteiligten und danke Euch, dass Ihr nicht lockerlasst. Die Überbrückungshilfen sind ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Da muss nachgebessert werden und – ganz klar – noch viel mehr Geld fließen.

Ich hätte mit meinem kleinen Reiseunternehmen in diesem Jahr einen Bruttoertrag von einer Million Euro gemacht. Andere Unternehmen haben in diesem Jahr ihren Gewinn Corona-bedingt verdoppelt. Ich bezahle mir seit April kein Gehalt mehr. Jeder Beamte bekommt es weiterhin ohne Abzüge. Wenn alle Menschen in diesem Land geschützt werden, müssen auch alle dafür bezahlen. Dieser Gedanke sollte uns leiten. Wir betteln nicht. Dieses Geld steht uns zu. Gestern bekam ich von meinem Steuerberater eine E-Mail, dass es ab 1. Oktober wieder losgeht: Die Überbrückungshilfen gehen in die zweite Runde.

Wir können den Menschen weltweit vertrauen

Die große Mehrheit der Menschen auf der Welt glaubt, dass man aktuell nicht reisen kann. Das stimmt so nicht. Über Amsterdam mit der KLM ist super viel möglich. Viele Länder sind schon wieder offen und haben die Corona-Krise gut im Griff. Ich habe mich davon selbst in Ecuador überzeugt. Zur Video-Dokumentation der Pilotreise geht es hier.

Die Schweiz führt Ecuador seit dem 14. September nicht mehr als Risikogebiet. Eine Aus- und Einreise ist ohne Quarantäne möglich.

Ich bin sehr stolz auf die Ecuadorianer. Wir sind zwei Wochen lang kreuz und quer durchs Land gefahren. Selbst in der Hängematte vor der entlegensten Hütte tragen die Menschen Maske. Wenn sie allein sind, hängt sie am Ohr oder unter dem Kinn, sind sie zu mehreren, wird sie konsequent aufgesetzt. Die Menschen halten sich an die AHA-Regeln und nehmen Abstand. Allerorts sind Hygiene-Konzepte in Aktion, werden Schuhe gesäubert, Hände desinfiziert, Handschuhe getragen und kräftig gesprüht. Im Flugzeug werden die Lüftungen über den Sitzen aufgedreht und erklärt, warum das wichtig ist. Um Gedränge im Gang zu vermeiden, steigen die Passagiere nach Reihen ein und aus. Die Oberflächen in Toiletten werden sehr regelmäßig desinfiziert. Mein Sohn und ich haben all das ungläubig beäugt und uns letztlich gerade deshalb sicher gefühlt.

Die Reise hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir den Menschen weltweit vertrauen. Ich bin sicher, die weitaus meisten Menschen sind vernünftig, arbeiten hart daran und tun alles, damit die Situation in ihren Ländern besser wird. Die ganze Welt außerhalb Europas zum Risikogebiet zu erklären, wird diesen Bemühungen nicht gerecht. Armut und Unruhen stehen schon bald vor der Tür, wenn wir die Welt nicht wieder öffnen. Die EU verteilt bereits Mikro-Finanzkredite an gefährdete Nachbarländer. Man weiß, dass, wenn die Not dort zu groß wird, diese Menschen zu Flüchtlingen werden. Das gilt mittelfristig weltweit.

Am 1. Oktober 2020 will Außenminister Maas nun mutig sein. Ich habe eine Wette laufen mit Diamir-Chef Jörg Ehrlich: Er ist der Meinung, die Welt bleibt weiterhin dicht. Ich bin hoffnungsvoll und traue unserem Außenministerium zu, in der Zwischenzeit ein intelligentes Informationssystem erschaffen zu haben, das ihn befähigt, bis auf 30 Länder alle Staaten mit Reisehinweisen zu öffnen. Der Einsatz: eine Flasche Schampus.

Auf das, was da noch kommt! Eine Freundin hat mir dieses Lied mit auf den Weg gegeben und ich spiele es immer dann ab, wenn die Negativ-Spirale meine Gedanken verdreht. Das kommt immer seltener vor. Wie am Anfang dieses Tagebucheintrags gesagt: Ich habe Hoffnung; kein Auto mehr, aber Hoffnung. In diesem Sinne: Haltet durch! Der Wahnsinn wird bald ein Ende haben.

 

PS:

Das Folgende passt oben nicht rein. Muss aber noch gesagt werden. Deshalb im PS.

Die Schuldfrage

Arthur Schopenhauer hatten wir hier ja schon. Über Schuld sagt er:

„Will man den Grad von Schuld, mit dem unser Dasein selbst behaftet ist, ermessen, so blicke man auf das Leiden, welches mit demselben verknüpft ist. Jeder große Schmerz, sei er leiblich oder geistig, sagt aus, was wir verdienen: Denn er könnte nicht an uns kommen, wenn wir ihn nicht verdienten.“

Die Welt als Wille und Vorstellung II, 4, 46

Ich wurde im vergangenen Monat dreimal negativ auf Covid-19 getestet. Die Schuldgefühle, Phantom-Symptome und der potenzielle Gesichtsverlust, die damit einhergehen, waren für mich und auch für meinen 18-jährigen Sohn schwer zu ertragen: Bin ich wirklich gesund? Kratzt nicht doch der Hals? Wen könnten wir angesteckt haben? Werden die Leute krank und wir sind schuld daran? Wer muss in Quarantäne? Was tun wir diesen Menschen an? Werden sie uns künftig meiden?

Das Stigma der Unvernunft lastete schwer auf uns. Es entsteht im Umkehrschluss der Warnungen: Wer feiern geht, die AHA-Regeln nicht beachtet, ins Ausland reist etc. der verhält sich unverantwortlich, falsch und wird schuldig.

Wir haben uns auch gefragt, ob nicht viele Menschen sich trotz Symptomen nicht testen lassen, weil sie Angst vor der Stigmatisierung haben. Das wäre fatal.

Gesundheit ist nicht mehr Privatsache. Das darf nicht so bleiben."